Tiefenpsychologie
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Dem Unbewussten auf der Spur
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Seit über hundert Jahren werden Patienten mithilfe der Psychoanalyse behandelt. Den Namen Sigmund Freud und seine berühmte Couch kennt jeder. Doch wie genau ist die Psychoanalyse entstanden?
Die Psychoanalyse, die insbesondere ein Behandlungsverfahren ist, hat ihren Ursprung in Sigmund Freuds Versuch, das Seelische bzw. das Psychische besser zu verstehen. Hierzu wählte Freud zunächst einen rein neurologischen Ansatz mit dem Ziel, die Gehirnfunkionen zu erfassen. Beeinflusst von seinen Eindrücken über das Krankheitsphänomen der Hysterie, die er während seines Aufenthaltes bei dem berühmten Pariser Neurologen Jean-Martin Charcot sammelte, entwickelte er eine Methode, mit der er den Bereich des Seelischen, das Unbewusste, zu erfassen versuchte. Diese Methode nannte er dann später „Psychoanalyse“.
Der Grundgedanke ist, dass es das Unbewusste gibt, das sich auf verschiedene Weise Ausdruck zu verschaffen sucht. Allerdings tut es dies eher auf verschlungenen Pfaden, denn auf dem direkten Weg. Das Unbewusste kann sich zum Beispiel in Verhaltensweisen äußern, die für den Betroffenen in seiner symbolischen, tieferliegenden Bedeutung nicht erkennbar sind. Bei den Hysterikern studierte Freund zum Beispiel den so genannten Arc de Cercle, eine Körperinszenierung, die er insbesondere bei Hysterikerinnen beobachtete.
Von großer Bedeutung für die Prägung des Unbewussten sind Traumen, die bereits in jungen Jahren gesetzt werden und mit denen der Betroffene dann später klarkommen muss. Er muss mit ihnen leben. Freud erkannte dies und suchte zunächst die Erklärung im Bereich der frühkindlichen Sexualität, so Johannes Pfäfflin, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut. Für Freud sind ”... es vor allem die frühkindlichen Traumen {...}, die das Unbewusste sehr stark mitprägen und die dann etwas Unverarbeitetes in uns zurücklassen, was dann einer Äußerungsform bedarf. Wir haben dann in unserem weiteren Leben mit diesen frükindlichen schwerwiegenden Beeinflussungen zu leben.Ein zentrales Movens dieser Traumen war nach Freud die frühkindliche Sexualität, und er ging [zunächst] davon aus {...}, dass die frühkindliche Sexualität durch massive Verführungen oder manifeste Verführungen vollzogen wird. Das heißt, dass das Kind nicht kindgemäß behandelt wird, sondern in seiner Sexualität überfordert und missverstanden wird und dies dann tatsächlich zu traumatischen Überforderungen, Überflutungen durch Reize führt, die dann das Traumatische beinhaltet haben. Das heißt also: Ursprung des Traumas ist eine reale Misshandlung – ein reales Ereignis – in dem das Kind in seinen Möglichkeiten überfordert ist, oder auch unterfordert. {...} Ein Reizentzug wirkt auf den Organismus und auf die menschliche Seele, auf die kindliche Seele genauso traumatisch – in Form einer Deprivation – wie eine Reizüberflutung traumatisch wirken kann.
Freud kam natürlich durch diesen Ansatz, durch diese Ungeheuerlichkeit {...} in seiner Zeit, dass er sagt, es gibt sexuelle Verführungen in der Kindheit, durch Erwachsene an Kindern vollzogen, {...} in eine ungeheuerliche moralische Drucksituation. Es war ein Tabubruch ohne Gleichen, dies zu behaupten. Und – sicherlich {...} auch unter dem Druck dieser Öffentlichkeit, hat Freud dann das Traumatische ins Innerseelische verlegt: {...} Er ging in seiner zweiten Traumatheorie davon aus, dass die Phantasie des Kindes viel mehr bestimmend sei für das Unverdauliche und Unbewältigbare im späteren Leben als etwa die reale Handlung, die an dem Kind {...} vollzogen worden sei und die ja dann für die Erzieher, die Eltern, die Erwachsenen einen schweren Vorwurf beinhalten. Die kindliche Sexualität wurde als polymorph pervers beschrieben und bedurfte {...} einer gewissen Kultivierung, das war jetzt der Hauptaspekt, und … es war nicht so, dass das Kind durch manifest sexuelle Misshandlungen missbraucht und damit traumatisiert wurde. Also, die Verlagerung wurde jetzt deutlich in den Bereich hineingelegt, in dem eben das Seelische stattfindet. ...“Dem Phänomen des Unbewussten nachgehen
Vor diesem Hintergrund wurde eine Theorie des Seelischen entwickelt, die die Voraussetzung für die Psychoanalyse als Behandlungsmethode lieferte. Gesucht wurde ein Ansatz, der es dem Unbewussten erleicht, sich auszudrücken und so dem Betroffenen in seinem Leiden hilft. Freud entwickelte in der Konsequenz die Methode der Psychoanalyse, die bis heute in vielen Bereichen eingesetzt wird. Seine Methode erleichtert es dem Umbewussten, sich zum Ausdruck zu bringen, und die erlaubt es, dem Phänomene des Unbewussten nachzugehen. Phänomene des Unbewussten, so Pfäfflin, sind zum Beispiel Versprecher oder auch Witze, in denen sich die „Latenz, also das Ungeheuerliche, was man eigentlich nicht ausspricht, oder was man vielleicht sogar gar nicht denkt und denken darf“, Ausdruck verschafft. Die Witze müssen hierzu allerdings in ihrer Gesamtheit ernst genommen werden, also auch jener Teil, der dann das Verpönte beinhaltet und meint. Genau dann, so Pfäfflin, sei man dem Unbewussten auf der Spur: „Freud hat dann {...} aufgefordert, so freimütig wie möglich seinen Einfällen zu folgen, so frei wie möglich zu assoziieren, auch wenn es einem unwichtig erscheint, trotzdem einen Gedanken auszusprechen, wenn er denn auftaucht. Oder einem Gefühl nachzugehen, wenn es denn auftaucht. Er hat auf diese Art und Weise einen Weg beschritten, der geeignet war, das einstmals Unbewusste bewusster zu machen. …“
Die CouchIn der psychoanalytischen Sitzung wird dem Patienten über die äußere Struktur ermöglicht, sich mehr in sich zu vertiefen. Hierbei komm die Couch zum Einsatz. Auch die Position des Therapeuten zum Patienten ist wichtig. So verstärkt die Behandlung auf der Couch die Projektionen auf den Behandler.
Pfäfflin: „Der Patient liegt auf der Couch und schaut quasi in den Raum und nicht ins Gesicht des Analytikers. {...} Dieses Setting befördert die Projektion auf den Analytiker, so dass dieser die früheren Bezugspersonen und die Einflüsse, die von diesen früheren Bezugspersonen ausgingen, viel besser erfassen und verstehen und sehen kann, insofern {...} er nicht so sehr als Realperson, sondern eher als Spiegel der Seele des Patienten – so das Konzept damals – in Erscheinung tritt. …“
Ein- und Zwei-Personen-Psychologie
Der Behandler und der Patient stehen während der Behandlung in einer Beziehung zueinander, die schnell zu den Phänomenen der Übertragung und der Gegenübertragung führen können. So ist denkbar, dass sich der Patient vom Therapeuten gut verstanden und zu ihm hingezogen fühlt und dies auch durch Signale, z.B. Geschenke, äußert. Im Gegenzug kann der Behandler den Patienten ebenfalls sympathisch finden und das Gefühl entwickeln, auf das Angebot eingehen zu wollen. Im Wissen um diese Gefahren wird eine hinreichende emotionale Distanz voraussetzt, die auch der Berufsethos der Psychotherapeuten fordert. Die Beobachtung der Phänomene der Übertragung und Gegenübertragung gehen auf Freud zurück, wurden aber in ihrer Bedeutung und Einschätzung weiterentwickelt. Sie wurden dann unter anderen theoretischen Voraussetzungen neu definiert und neu verstanden. Freuds Ansatz war zunächst eine Ein-Personen-Psychologie. Pfäfflin: „Das beinhaltet, dass der Patient ganz im Fokus steht und der Analytiker aufgrund seiner theoretischen Kenntnisse dann schon weiß, was {...} beim Patienten los ist, wie er zu behandeln sei, welchen Grundkonflikt man erkennen kann und wie der zu behandeln ist. Es war Paula Heilmann, die in den fünfziger Jahren das Konzept der Gegenübertragung {...} aufgegriffen hat. Und sie postuliert nunmehr eine Zwei-Personen-Psychologie: {...} Der Analytiker mit seinen eigenen Latenzen, mit seinen eigenen Sichtweisen und Blickrichtungen kommt als zweite Person quasi gleichberechtigt in die Therapie mit herein, so dass es mehr um die Interaktion, die Berücksichtigung der Interaktion geht und nicht so sehr um die diagnostische Betrachtung des Patienten und dessen Entwicklung, die man dann befördert. {...} Man versteht jetzt plötzlich die Analyse mehr als einen Prozess, der sich zwischen zwei Personen abspielt. Und insofern kommt es in gleicher Weise auf den Analytiker an wie auf den Patienten. Beide müssen diese Bereitschaft mitbringen, sich auf diesen Prozess einzulassen. {...}”
Im Gespräch mit Johannes Pfäfflin, Diplom-Psychologe und Psychotherapeut
Quelle: Interview vom 2. Januar 2009. Abbildung 1 dmr.
Links:
- Jean-Martin Charcot [Wikipedia]

- Deprivation [Wikipedia]

- Siegmund Freud [Wikipedia]

- Gegenübertragung [Wikipedia]

- Paula Heimann [Wikipedia]

- Hysterie [Wikipedia]

- Psychoanalyse [Wikipedia]

- Psyche [Wikipedia]

- Übertragung [Wikipedia]

- Europäische Psychoanalytische Föderation

- Deutsche Gesellschaft für Psychoanalyse, Psychotherapie, Psychosomatik und Tiefenpsychologie

ICD: F44.-, F94.-, T74.-, Z61,
Anzahl der Hörer: 7075)
- Zellkanäle und ihre Bedeutung für die Medizin von morgen. Internationale Gap Junctions-Forscher treffen sich in Gent und Bochum - Betrag vom 3.8.2011

- „Everything is linked“ ... Unsere Zellen reden miteinander ... Gap Junctions - Betrag vom 8.4.2011

- Autoimmunzellen unterstützen das Lernen - Betrag vom 10.4.2006

Begriffserklärungen |
Latenzen: Inhalte des Unbewussten
Movens: Beweggrund
Setting: Umgebung bzw. Anordnung des Patienten und Behandlers zueinander






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