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Mittwoch, 21. März 2012

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- FB Rechtsmedizin - Datei laden (MP3, 13:51 min., 12.8 MB)

Osteologie. Was uns die Knochen und Schädel Enthaupteter noch heute erzählen können. Im Gespräch mit dem forensischen Archäologen Dr. Peter Pieper

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Wenn forensische Archäologen wie Dr. Peter Pieper als Wissenschaftler neue Erkenntnisse über eine vergangene Zeit gewinnen wollen, dann greifen sie z.B. auf Knochenfunde zurück. Diese tragen häufig noch immer die Informationen in sich, woran der Mensch gestorben ist. Ein wichtiges Thema, mit dem sich Dr. Pieper beschäftigt, ist die Osteologie, die Wissenschaft von den Knochen.
Für den Wissenschaftler ist es günstiger, wenn ein komplettes Skelett gefunden wird. Denn so lassen sich eher Fragen über Lebensalter und Geschlecht beantworten, aber auch die Frage, wann dieser Mensch gelebt hat. So reicht ein Schädelfund in der Regel nicht aus, das Geschlecht eindeutig zu bestimmen – das Becken hingegen schon. Denn dieses ist bei Frauen anders gestaltet, nämlich zum Kindergebären.
In einem späteren Schritt wendet sich der Wissenschaftler Auffälligkeiten zu, wie zum Beispiel Verletzungen, die vielleicht zum Tode geführt haben. Der erfahrene Osteologe weiß, dass es die unterschiedlichsten Gründe für Löcher in Schädeln geben kann. Einerseits kann ein Loch zum Beispiel durch einen stumpfen oder spitzen Gegenstand entstanden sein und dann vermutlich zum Tode geführt haben. Andererseits kennt man die Trepanation. Die Trepanation ist eine Schädeleröffnung und wurde zum Beispiel bereits in der Jungsteinzeit angewendet. Hierbei wurde der Schädel vorsichtig aufgeschabt, um das Leben des Patienten nicht zu gefährden. Ob mit der Schädeleröffnung böse Geister entfernt oder Krankheiten bekämpft werden sollten (wie sie z.B. entstehen, wenn jemand auf den Kopf gestürzt war oder durch einen stumpfen Schlag auf den Schädel getroffen wurde) ist bis heute nicht eindeutig.

In der heutigen Zeit haben Krankheiten wie die Syphilis dank der Antibiotika ihre Schrecken verloren. Vor der Zeit der Antibiotika allerdings konnte die Syphilis nicht effektiv bekämpft werden. Und so findet man an den Knochen teilweise auch Spuren dieser Krankheit. Insbesondere in einem späten Stadium kam es zu Knochenverwucherungen. Ebenso kann man Metastasen, die von einem Krebs abgesondert wurden und sich in den Knochen niederließen, nachweisen. Um näheres über die Krankheiten der Menschen zu erfahren, werden von Wissenschaftlern auch Dünnschliffe aus Knochpartien angefertigt. Über die Analyse der Schliffe können diese dann differenzialdiagnostisch unterscheiden, von welcher Krankheit eine Knochenveränderung verursacht wurde. Ein weiterer Ansatz ist die Analyse von Erreger-DNA, die man aus Knochenmaterial gewonnen hat.
Peter Pieper beschäftigt sich als forensischer Archäologe u.a. mit Löchern in Schädeln. Es gibt die unterschiedlichsten Gründe für ihre Entstehung. Einige Funde weisen darauf hin, dass Menschen nach ihrer Enthauptung ein Nagel durch den Kopf getrieben und dieser zur Abschreckung zur Schau gestellt wurde.
Enthaupten galt schon seit dem römischen Recht als eine ehrenvolle Strafe „wohl deshalb, weil es auch eine Strafe ist, die zum schnellen Tod führt.“ (P. Pieper) Im Gegensatz dazu war „beispielsweise das Erhängen {...} wesentlich dauernder und qualvoller, oder Verbrennen bei lebendigem Leibe, was man zum Beispiel, das ist ja bekannt, mit Hexen gemacht hat. Noch schlimmer [war] {...} das Rädern, wenn also dem armen Delinquenten von unten nach oben sämtliche Gelenke eingestoßen wurden, zum Schluss erst der Schädel, und er dann auf das Rad geflochten wurde. Das Rad wurde dann aufgestellt. Und er wurde buchstäblich den Krähen, Geiern und so weiter zum Fraß ausgestellt.“ (P. Pieper)
Es gab die verschiedensten Gründe für eine Enthauptung: Sie wurde als Strafe bei Vergehen verhängt, konnte aber auch politische oder private Gründe haben. Nicht nur politisch unliebsame Leute wurden geköpft. “Das haben Sie bei Richard Löwenherz und Sultan Saladin. Die hatten viele Gefangene gemacht. Das bedeutete: Viele Leute auch mit Nahrungsmittel versorgen. Das kostengünstigere war in dem Fall die Enthauptung von 3000 Leuten, weil von der Gegenseite kein Lösegeld gezahlt wurde!“, so Pieper. Schließlich gab es die Enthauptung „auch als Gnandenerweis für Hexen, die dann hinterher verbrannt wurden.“
Die Aufnagelung eines Hauptes hat, so Pieper, „natürlich einen anderen Aspekt. Das hat mit der Strafe nichts mehr zu tun. {...} Da hat man das Haupt aufgenagelt zur Abschreckung, um anderen Leuten zu sagen: Begehe nicht das gleiche Verbrechen, sonst wird dich das gleiche Schicksal treffen.“
Wer eine schwere Straftat beging, musste mit seiner Enthauptung oder vielleicht sogar mit der Aufnagelung seines Hauptes rechnen. So erging es auch Piraten wie dem bekannten Klaus Störtebeker oder vermutlich auch der jungen Frau, deren Schädel man in Lagenfeld bei Düsseldorf gefunden hat. „Im Falle von {...} Klaus Störtebeker aus Hamburg“, so Pieper, „hat das eine eigene Bewandtnis: Er ist ja zusammen mit seiner ganzen Crew auf Helgoland {...} gefasst [worden]{...}. Nach seiner Enthauptung ist der Schädel [für die Nagelung] präpariert worden {...}. Das heißt: In den noch blutigen Schädel muss der Henker oder Henkersknecht ein Loch präpariert haben, damit der Nagel, wenn er ohne Stumpf und Stiel einfach durch die Schädeldecke geschlagen wird, keine Impressionsfrakturen, das sind Ausbrüche rund um das Nagelungsloch, provoziert. Das hätte eventuell die Erhaltung des gesamten Schädels gefährdet. Der hätte zusammenbrechen können. Und in dem Fall wollte man das verhindern. Das hat man sicherlich nicht mit den 29, 30 anderen Gefolgsleuten von ihm gemacht, {...} sondern dann wirklich mit jemandem, dessen Identifikation oder individuelle Gesichtszüge man lange erhalten wollte, dass die Abschreckung darin bestand, wenn die Seeleute elbaufwärts oder elbabwärts segelten, sahen: Da sind dreißig Köpfe aufgenagelt auf den Galgen. Guck, das sind die Piraten! Aber das da vorne auf der Stange, das ist der Störtebeker! Oder der Gödeke Michels.“ Ob es sich bei dem Schädel wirklich um Störtebeker handelt, ist nicht eindeutig, So kennt man aus jener Zeit „fünf Namen von bedeutenden Seeräuber-Führern“, so Pieper. „Und davon war Störtebeker nicht der prominenteste. Das war Gödeke Michels.“
Ein weiterer einzigartiger Fall ist der jener Frau, deren Schädel in Langenfeld gefunden wurde. „Das ist“, so Pieper, „der mir einzig bekannte weibliche Schädel. Wenn Sie ins mittelalterliche Strafrecht zurückgehen: Da werden Sie eigentlich keine Darstellung von einer Frau finden, die geköpft wurde.“ Anders stellt sich dies jedoch in der Neuzeit dar. In den zum Teil illustrierten Archivalien finden sich z.B. Darstellungen von einer Kindsmörderin oder einer Giftmörderin.
Die Enthauptung selbst schien nicht nur ein auf das Diesseits bezogener Akt der Rechtssprechung zu sein. So wurden die Betroffenen „natürlich immer“, so Pieper, „mit {...} dem Sterbesakrament versorgt, weil es wichtig war, nicht die Leute zu bestrafen, in erster Linie, sondern sie wieder auf den Weg der Tugend zurückzuführen, damit die dann doch, obwohl sie tatsächlich Verbrecher waren, eventuell beim jüngsten Gericht gestehen.“

Quellen: Interview mit Dr. Peter Pieper vom 9.3.2012 im Institut für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Düsseldorf. Abbildungen 1 und 2 Deutsches Medizinradio.

(Kategorienzuordnung: FB Rechtsmedizin | FB forensische Archäologie | FB Osteologie | FB Geschichte der Medizin,
Anzahl der Hörer: 4396)
(Sprecher/in: Matthias Linzbach)

Begriffserklärungen

In dem Begriff Osteologie stecken verschiedene Worte:

  • Osteon (gr.): Knochen. Im Altdeutschen „Bein“ (ist im Wort „Gebein“ noch enthalten. Urverwandt mit dem lateinischen „os, ossis“, der Knochen)
  • Logos (gr.): Wort, Weisheit, Wissenschaft